Pendlererlebnisse

Zu diesem Blogbeitrag hat mich ein Artikel der FAZ vom 03./04. Juni 2017 inspiriert, an den ich mich gedanklich und inhaltlich anlehnen möchte.

Wolfgang – ein leidenschaftlicher Trainer und Coach –  liebte die wöchentliche Fahrt mit der Bahn nach Berlin zu einem seiner Workshops. Am Bahnhof Minden(Westf.) positionierte er sich auf dem Bahnsteig immer an der selben Stelle unmittelbar vor der „Raucherinsel“. Nicht etwa weil er Raucher war, sondern vielmehr weil er wusste, dass er dadurch exakt vor einer Tür stand, wenn der Zug anhielt. Nachdem er im vorderen Teil des Zuges eingestiegen war, orientierte er sich im Wagon immer nach links und fand „seinen Platz“ sechs Reihen von der Abteiltür entfernt auf der rechten Seite am Fenster. Er zog dann an dem Verstellhebel für die Rückenlehne und positionierte diese in der hinteren Endstellung, nahm einen ersten Schluck aus dem eben gekauften Coffee-to-go Pappbecher, und schlug das Titelblatt seiner Tageszeitung auf. Wolfgang vergötterte diesen Augenblick der inneren Ruhe und Gelassenheit vor dem Beginn des anspruchsvollen Workshops in Berlin. Es war ein Teil seiner mühsam erlernten Achtsamkeit sich selbst gegenüber.

Herr Schröder nahm oft die gleiche Zugverbindung. Sie kannten sich von einem früheren gemeinsamen Projekt her und begegneten sich häufiger am Bahnsteig. Ein wenig Smalltalk als Einstieg in einen harten Arbeitstag – das liebten beide. Nachdem sie in den Wagon eingestiegen waren, trennten sich ihre Wege. Schröder ging nach rechts und Wolfgang wie gewohnt nach links. Niemals wäre Schröder auf die Idee gekommen, sich neben Wolfgang zu setzen, um das Gespräch fortzusetzen. Er genoss viel lieber Musik von seinem High-End Spamartphon über die gerade neu erworbenen hochwertigen In-Ear-Kopfhörer. Schröder hatte daher absolutes Verständnis für Wolfgangs wöchentliches Ritual. Gelegentlich trafen sie sich bei Ausstieg am Berliner Hauptbahnhof wieder. Dann freuten sie sich, gingen noch gemeinsam bis zum Ausgang und wünschten sich gegenseitig eine erfüllt und zufriedene Zeit in Berlin.

Zu einem späteren Zeitpunkt kam Herr Ötzgentürk dazu, der ebenfalls für ein längeres Projekt in Berlin tätig war, und ein wirklich Netter war. Als Wolfgang und Schröder ihn am Bahnsteig trafen, konnte er ohne Probleme in den gehaltenen Smalltalk einsteigen. Nur mit dem für Wolfgang und Schröder vertrauten „Trennungsritual“ konnte Ötzgentürk absolut nichts anfangen. „Ich habe da vorne eine freie Vierergruppe durchs Fenster gesehen, als der Zug einfuhr. Lasst uns doch dort gemeinsam Platz nehmen“, rief er den beiden freundlich zu. Wolfgang und Schröder trotteten höflichkeitshalber hinterher, obwohl eigentlich völlig lustlos und desinteressiert.

Das ging ein paar  Wochen so, dann ertrug es Wolfgang nicht mehr. Absichtlich kam er auf den letzten Drücker zum Bahnsteig und stieg heimlich in einen Wagon am Ende des Zuges ein. Er wusste zwar nicht, wo der Einstieg hielt, doch immerhin konnte er so seinen Coffee-to-go lustvoll schlürfen und die Zeitung in aller Ruhe lesen. „Wo ist denn eigentlich der Wolfgang abgeblieben?“, fragte Ötzgentürk im vorderen Teil des Zuges besorgt. „Ist der krank?“ „Ne, nur genervt“, sagte Schröder daraufhin. „Der will einfach morgens seine Ruhe haben, um einen Kaffee zu trinken und dabei seine Tageszeitung lesen zu können. Sein familiäres Umfeld gibt das einfach nicht her.“ Ötzgentürk zog nachdenklich eine Augenbraue hoch und sagte „Wie unangenehm, das wusste ich wirklich nicht. Und du?“ „Ich“, antwortete Schröder, und musste sich dabei wirklich überwinden, „finde es auch sehr angenehm, morgens auf der Fahrt nach Berlin ein bisschen gute Musik zu hören, um mich für den Tag einzustimmen. Aber wissen Sie was: Wir verabreden uns gelegentlich für die Rückfahrt via WhatsApp. Wenn Sie möchten füge ich Sie zur Gruppe hinzu.“

An einem Abend auf der Rückfahrt nach Minden, sah man Wolfgang, Schröder und Ötzgentürk fröhlich um einen Vierertisch zusammensitzen. Ötzgentürk hatte für alle ein wohlverdientes Feierabendbier organisiert. „Ab nächster Woche steige ich ganz vorne in den Zug“, sagte er ganz laut, so dass Wolfgang und Schröder es nicht überhören konnten. „Prost, ihr Morgenmuffel!“

Unser Steinbeis BMI Tipp

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[der Mensch macht’s!] – gerade als Pendler

Bildquelle: pixabay.com/ Zug

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